116 Jahre Tour de France

Höchsten Respekt verdienen die Rennfahrer, die gegenwärtig bei der Frankreich-Rundfahrt unterwegs sind. Aber auch die Bewunderung für die Pioniere der Tour wächst mit jedem neuen Jahr in der Geschichte des Rennens. Und das Staunen über die zweite Generation von Teilnehmern, die nach dem 1. Weltwahnsinn in den 1920er Jahren die Herausforderung wagten, moralisch ausgelaugt und viele auch ausgehungert. Trotzdem erhöhte der Veranstalter die Anforderungen noch einmal: Mehr Berge und längere Strecken mußten die Rennfahrer überwinden. Ihre Etappen begannen immer vor Sonnenaufgang. Sie waren häufig 15 Stunden unterwegs, 400 km und mehr. Sie kletterten über Pyrenäen und Alpen mit einem einzigen Gang. Ihre Rennräder wogen fast 20 kg. Defekte mußten sie allein reparieren, Ersatzteile bei sich tragen und ihre Trikots selber waschen. Der Sattel bereitete ihnen höllische Qualen. Sie stürzten, versorgten ihre Wunden selbst und fuhren weiter. Nicht alle schafften es zurück nach Paris, aber alle waren sie „GIGANTEN der Landstraße“.

Sie bleiben für mich der Maßstab bei der Beurteilung der Tour-Ausgaben der Gegenwart. Ich orientiere mich am französischen Autor André Reuze, der seine Erlebnisse und genauen Beobachtungen einfließen ließ in einen Tour-Roman, den er 1925 unter dem Titel „Le Tour de Souffrance“ (Die Tour des Leidens) veröffentlichte.  

Reuze vergöttert die Rennfahrer, die alle mit großen Hoffnungen am Start stehen. Sie träumen von Siegen und Preisgeldern und Fabrikverträgen, aber fast alle müssen während der Rundfahrt Enttäuschungen verkraften, einige sogar aufgeben. Er beschreibt Teamwork, Taktik, Defekte, Stürze, Krankheit und Doping, er berichtet von Intrigen, Tricks und Betrug. Und ein bißchen von Sex.

Reuze polemisiert aber auch gegen die Allmacht der Fahrradhersteller, gegen die Diktatur der Rennleitung und gegen die Brutalität der Strecken, die man den Rennfahrern aufzwingt, obwohl im Rennen jegliche medizinische Betreuung fehlt.

Der Österreicher Fred A. Angermayer hat das Buch 1926 ins Deutsche übersetzt, seine expressionistischen Ader betont die emotionale Wirkung dieser Radsport-Geschichte. Sie ist im Hörbuch erhalten geblieben dank der behutsamen Bearbeitung seines Texte. Man kann sich mit einem Klick davon überzeugen. 

Die Dramaturgie des Buches von Reuze gilt mir heute noch als der rote Faden für die Betrachtung aktuellen Renngeschehens.

Bis zum Ende der Tour 2018 werde ich ein paar Themen oder Vorfälle aufgreifen und Fahrer hervorheben, zu denen mehr gesagt werden sollte als nur die Aufzählung der Resultate. 

Für Bemerkungen oder natürlich auch Widerspruch ist der geneigte Leser herzlich eingeladen, die Rubrik Kommentar zu nutzen.

Also dann bis bald.


TOURTAGEBUCH

Tales aus Wales

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

"Entsetzt und ungläubig sah ich zu, wie die Polizei ihn verhaftete." So beschrieb David Brailsford eine Szene, die sich Ende Juni 2004 in einem Restaurant von Biarritz abspielte, wo er und David Miller beim Essen saßen. Brailsford war Manager des Olympia-Teams, er wollte den Zeitfahr-Spezialisten Millar auch in  die Bahnrennen von Athen einbinden. Im Vorwort zur Millar-Biographie schrieb er weiter, daß "für mich die undurchsichtige Welt des Dopings - mit der ich vorher nie in Berührung gekommen war - zur Wirklichkeit" wurde. Millars späteres Geständnis habe "ihm die Augen geöffnet." 

Was für ein Märchenerzähler - dachte ich 2012, als ich die deutsche Übersetzung des Buches aus dem Covadonga-Verlag las. Bei all dem, was im Frühling 2004 in Millars Team Cofidis zum Vorschein kam, nach den unzähligen Doping- Funden und Befunden seit 1998 und der ständigen Diskussion rund um Armstrong&Co wollte Brailsford nicht einmal die Ahnung gehabt haben, daß Millar in die Vorgänge bei Cofidis einbezogen gewesen sein könnte, zumal dieser sich hartnäckig und arrogant weigerte, dem einstigen Rennfahrer und jetzigen Journalisten Paul Kimmage Fragen zu beantworten. Immerhin hatte Millar seit dem Vorjahr seine Siege auf eine neue Stufe gehoben (Tour, Vuelta) und Brailsford war Sport Direktor bei "British Cycling", kannte sich also aus hinter den Kulissen. Nach Millars Dilemma, so Brailsford weiter, war er "fest entschlossen, dafür zu sorgen, daß so etwas keinem Sportler in meiner Obhut mehr widerfährt."

Wie immer er das gemeint haben mag, so ganz gelungen ist es ihm offensichtlich nicht. Es gibt ein prominentes Opfer in seinem Team: Christopher Froome. Der leidet seit Monaten darunter, daß sein Chef die Transparenz zu medizinischen Praktiken im Team Sky verweigert. Die Salbutamol-Affäre ist nicht ein Fall Froome, es ist die Angelegenheit Sky. Aber die Fans spucken auf den schlaksigen Fahrer, der ohne Rad unbeholfen wirkt und der im Interview herum zu drucksen scheint. Er darf  nur in Floskeln reden, von denen die am häufigsten verwendete ("Ich habe nichts unrechtes getan.") wie ein Kindergebet klingt: Ich bin klein, mein Herz ist rein, ich will auch immer sauber sein. Vermutlich darf er nicht sagen, was er in welcher Dosis genommen hat, wieviel Züge er am Inhalator gemacht hat und wer ihm möglicherweise erlaubt hat, den Wirkstoff einmal mehr oder tiefer zu atmen. Das von Brailsford geführte Team hat seit dem Tag der Kenntnis vom erhöhten Wert in Froome's Test versucht, diesen Fakt zu vertuschen. Und das war die Fortsetzung der Verschleierungstaktik, die Brailsford und Sky in der Untersuchung des britischen Parlaments über medizinische Therapien in der Vergangenheit zwei Jahre lang angewendet haben und die ihnen viel Kritik einbrachte. Wenn alles rechtens war, ist Offenheit von Anfang an das beste Rezept, um Gerüchte und Verdächtigungen zu entkräften. Seit Wochen bekommen die Sky-Rennfahrer den Unmut der Fans über das Verhalten von Brailsford zu spüren, sogar körperlich. Die Angriffe auf Athleten sind nicht akzeptabel. Sie wären aber ausgeblieben, hätte ihnen Team Sky reinen Wein eingeschenkt. Das wäre eines Ritters Ihrer Majestät würdig gewesen, der den Titel für große Leistungen als Coach, enorme Erfolge bei Olympischen Spielen und außergewöhnliche Fähigkeiten als Verbandsmanager erhielt. Aber Sir Brailsford hat im letzten Jahr Journalisten übel beschimpft, nur weil sie Auskunft erbaten. Nun beschwert gerade er sich über die Kulturlosigkeit der französischen Zuschauer. Und stellt sich unwissend auf die Frage, warum nur die Sky-Fahrer angepöbelt werden. Chris Froome als Zielscheibe tut einem leid. Vielleicht darf er dafür zum 5. Mal Tour-Sieger werden, auch wenn Geraint Thomas auf ihn warten müßte, so wie er, Froome, 2012 auf Wiggins - von Brailsford befohlen. Das wäre pikant, weil auch der Team-Boss Waliser ist. Geboren wurde er zwar in Mittel-England in der Grafschaft Derbyshire, aber er wuchs auf im Norden von Wales und begann dort auch mit dem Radsport. Unter seiner Regie fährt Thomas seit Gründung des Teams 2010. Was ihn nicht daran hindert, zuweilen eigene Gedanken zu äußern, zum Beispiel über die Ausnahmegenehmigungen (TUE) genannt, die Wiggins als auch Froome die Einnahme von Medikamenten erlaubt: "Ich wäre sehr glücklich, wenn sie aus dem Sport verbannt würden. Ich glaube, daß Sport darin besteht, sich und seinen seinen Körper ans Limit zu bringen. Wer ein entzündetes Knie oder Asthma oder irgendwas hat, muß sehen wie er damit klar kommt." 2007 bei seiner Tour-Premiere mit Barloworld verurteilte er seinen Team-Kollegen Moises Dueñas, der positiv auf EPO war, konsequent: "Ich hoffe, daß er ins Gefängnis kommt. Er soll bekommen was er verdient." 

Geraint Thomas aus der walisischen Hauptstadt Cardiff hat sich in Worten und Taten immer als ein bodenständiger Rennfahrer gezeigt, der sich, von der Pike auf, über ein Jahrzehnt hinweg auf jeweils höhere Qualitätsstufen gearbeitet hat. Wenn er denn in all dieser Zeit auch sportmedizinisch so abstinent war, wie seine Worte vermuten lassen, wäre sein Tour-Sieg tatsächlich ein schönes Märchen. Eines, von dem man hofft daß es wahr wird.

 

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