GELBFIEBER

Es ist die Tour, die ich nie vergessen werde. Weil ich sie nicht besuchen durfte, obwohl sie nur ein paar Kilometer entfernt von mir begann: in Westberlin, am 1. Juli 1987. Vor genau 30 Jahren schoben wir Radsport-Journalisten aus der DDR totalen Frust, weil man uns nicht mal einen Tag hinließ zu diesem Rennen. Obwohl dort auch Rennfahrer starteten, die zuvor bei der Friedensfahrt geglänzt hatten - der Sieger von 1985 Lech Piasecki aus Polen, sein Landsmann Czeslaw Lang, der Olympizweite von 1980, und der Slowake Milan Jurcčo, WM-2. (Team) von 1985. Beim Zeitfahrprolog am Kudamm belegte Piasecki Platz 2 (3 Sek. hinter Jelle Nijdam), holte aber am nächsten Tag in einer Spitzengruppe den Rückstand auf, übernahm das Gelbe und trug es auf 2 Etappen. Die meisten Rennfahrer wären schon glücklich, wenn sie es nur EINMAL anziehen dürften. Sprinter und reine Zeitfahrer haben eine Chance dazu meist nur am ersten Tag, auf den sie dann ihre meiste Kraft und Motivation konzentrieren: GELBFIEBER!

Früher war nicht jeder Fahrer war scharf auf das Gelbe Trikot der Tour de France. Der Erfinder des Rennens, Henri Desgrange, hatte angeblich schon 1913 Philippe Thys angeboten, ein Goldenes Trikot zu tragen, nachdem der die Pyrenäen-Etappe in Luchon gewonnen und damit die Spitze in der Rundfahrt übernommen hatte. Aber der Belgier wollte nicht. Oder sein Rennstall verbot es ihm, weil ihn die Fabrik lieber im Trikot von Peugeot auf den Siegerfotos sehen wollte. Und am 13. Juli 1919 fiel die Premiere für das GELBE wieder aus, weil es dem Franzosen Eugène Christoph in Marseille nicht passte. Er lag in die Führung, obwohl er keine der 8 Etappen bis dahin gewonnen hatte, und auch keine mehr holen würde. Aber er blieb vorn und bekam es dann am 19.Juli in Genf übergestreift. Es passte! Das war die Geburtsstunde für das Gelbe Trikot, das Desgrange in der Farbe seiner Zeitung hatte herstellen lassen. Christoph behielt es bis zur vorletzten Zielankunft in Dunkerque. Auf dem Weg dorthin vollbrachte er übrigens eine seiner Heldentaten, die auch im Buch Giganten der Landstrasse geschildert wird. Allerdings unter dem Namen Laboureur. Der echte "alte Gallier" trug bei Ankunft in Paris wieder sein graues Trikot von LaSportive und beendete die Tour auf dem 3. Platz.  

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