TOTALSCHADEN

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

Der Weltmeister ist gefahren wie ein Kickboxer. Er hat einen Konkurrenten an die Wand gedrückt. Andere Fahrer stürzten über Cavendish und verletzten sich ebenfalls. Das Unglück wäre vermeidbar gewesen. Den Ellbogen nicht rausfahren. Oder bremsen, als der Abstand zum Gitter für beide Kampf-Gockel zu eng und ihre Fahrlinie von Démare geschnitten wurde. Der Mann im Regenbogentrikot ist nicht fair gefahren; und das war folgenschwer. Die gestürzten Fahrer hätten sich das Genick brechen können. Sagan ist klug genug, das zu wissen, vielleicht auch sensibel genug, die Gefährlichkeit seiner Aktion wenigstens im Rückblick zu erkennen. Cavendish (Foto) abzudrängen, mag eine Affekthandlung gewesen sein, doch sie hinterläßt einen häßlichen Kratzer im Lack des schillernden Popstars der Radwelt. Sein Ruf ist jetzt beschädigt, auch wenn er bisher in diesem knüppelharten Job die Leichtigkeit des Seins verkörperte und mit generösen Gesten nach knappen Niederlagen ein Vorbild für sportliche Moral war. Bei der Bewertung seines Ellbogen(ver)stoßes gegen die Regeln ist es ohne Belang, daß er sich bisher bei ähnlichen Manövern gegen ihn selbst tolerant verhielt und in kritischen Situationen dank seiner artistischen Radbeherrschung Schlimmeres für sich und andere verhindern konnte. Es spielt auch keine Rolle, ob Cavendish versuchte ein Lücke zu nutzen, die viel zu eng war, oder ob er mit einem Keirin-Kopfstoß seinen Bewegungsraum vergrößern und eine Tür öffnen wollte. Sagan hätte ihm den kleinen Spalt zum Durchschlupf lassen können. Aber er hat die Tür zugeknallt. Instinktiv oder absichtlich? Darüber mußte die Jury befinden. 

Der Unterschied zum Verhalten der "Giganten der Landstraße" bei André Reuze ist enorm. Auch deren Tour war "keine Hochzeitsreise und kein Sonntagsausflug", wie Tampier erklärte, und "man faßte sich nicht mit Glacehandschuhen an", wie Blanc-Mesnil einräumte. Die Fahrer damals haben getrickst und sich auch gegenseitig betrogen, aber man ging sich nicht gegenseitig ans Leder, wie das heute oft passiert. Der Drang nach dem Sieg war jederzeit groß, aber die Fahrweise, um ihn zu erringen, wird immer aggressiver.

Nach der 4. Etappe in Vittel traf die Jury eine Entscheidung: Sagan wurde distanziert auf Platz 115 des Tagesresultats und mit Zeitaufschlag (Gelb) sowie Punkteabzug (Grün) bestraft. Beim Giro 2005 gab es einen Präzedenzfall mit nahezu identischem Verlauf. Paolo Bettini drückte auf der 4. Etappe Baden Cooke in die Gitter (allerdings ohne Ellbogen). Der Mann im Rosa Trikot, so befanden die Kommissäre, hätte den Australier neben ihm nicht bemerkt. Bettini wurde distanziert und durfte weiterfahren.

Auf der letzten Etappe der Türkei-Rundfahrt 2009 schleuderte Theo Bos den Mann im Gelben Trikot Daryl Impey mit einem Griff in dessen Trikot in die Absperrung  und verletzte ihn schwer. Die Kampfrichter erkannten eine Absicht und disqualifizierten den Niederländer. 

Das tat schließlich auch die Jury in Vittel. Sie revidierte ihren ersten Beschluß und verkündete später ein viel härteres Urteil: den Ausschluß Sagans vom Rennen. Damit ist ein Maßstab gesetzt, der in Zukunft in ähnlichen Situationen in jedem Rennnen und von jedem Wettkampfgericht mit derselben Konsequenz angewendet werden muß. Bei gleich gelagerten Fällen in der Vergangenheit war die Beurteilung bei weitem nicht einheitlich.

Über die Zeit zwischen beiden Entscheidungen wird es Erkenntnisse geben, aber auch Spekulationen, Vermutungen, Ahnungen und Verdächtigungen. Welche Gründe führten zu der Revision? Für die Jury-Mitglieder hatten sich die Paragraphen und die Bilder nicht verändert, eine Anhörung der Beteiligten gab es offensichtlich nicht.

Immerhin: Peter Sagan ist gleich nach der Etappe zu Cavendish gegangen, hat sich entschuldigt und ihm schnelle Besserung gewünscht. Sein Team führte noch Stunden später den Slowaken als Etappenzweiten auf seiner Internetseite. Um Mitternacht ging per Email eine Pressemitteilung online. Sie kündigte einen Protest gegen die Jury-Entscheidung an, enthielt aber keinen Satz des Mitgefühls für die gestürzten Fahrer. 

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