ABSTAUBER

Da hat aba eena richtich abjestaubt, würde der Berliner sagen nach dem Finale der 5. Etappe. Die Mannschaften BMC (gefühlte 80% der Streckenlänge) und SKY (15%) waren ständig an der Spitze des Feldes gefahren. Und zwar im Stile römischer Kohorten, also in vollzähliger Heeresordnung und mit Getöse. Man meinte, das Klappern ihrer Brustpanzer zu hören, mit dem sie ihre Gegner einschüchtern wollten auf dem Weg zur ersten Bergankunft dieser Tour. Eine Fluchtgruppe hatte dagegen keine Chance, obwohl sie sich zeitig gebildet hatte und mit prominenten Fahrern besetzt war. Sie wurde von den Legionen in rot und weiß eingefangen, nahezu generalstabsmäßig rund 3 km vor dem Ziel. Genau da trat dann Aru (und sein Team Astana) erstmals in Erscheinung. Der Italiener im Trikot des Landesmeisters hob ab wie eine Rakete und schoß förmlich zum Etappensieg. Genau so habe er das geplant, sagte der Kletterspezialist hinterher. Also wußte er, was er drauf hat. Und er hat die Stärke der Elite-Teams bewußt für sich genutzt. Ähnlich clever fuhren Martin, Bardet und Yates. Andere Tour-Favoriten wie Contador und Quintana hatten Mühe, dem Tempo von Froome und Porte zu folgen, als die auf den Antritt von Aru reagierten. Viel zu spät, gestand der dreimalige Gesamtsieger Froome ein. Man werde Aru nicht noch einmal soviel Vorsprung lassen. Froome übernahm die Führung in der Tour von vom Teamkollegen Thomas. Der hatte am steilsten Anstieg im Gelben Trikot Tempo gemacht für seinen Kapitän.

Auch im Giganten-Buch hatte sich der große Favorit Tampier für seinen unbekannten Mannschaftskollegen Chevillard eingespannt, allerdings war er da - als Opfer einer Intrige - selbst schon chancenlos. Es passierte eben noch was in der guten alten Zeit. Die Etappen verliefen turbulenter, die Emotionen übertrugen sich aus dem Rennen aufs Publikum und nicht umgekehrt.

Was bekamen die Zuschauer bisher zu sehen? Rennverläufe vom Reißbrett. Drei Etappen, drei Massensprints. Läßt das Peloton die Deppen des Tages in der Fluchtgruppe noch das Zielband sehen, ehe sie ihre Schuldigkeit getan haben? Diese Frage bietet noch die meiste Spannung. Auch gestern hatte man 5 km vor dem Tiel noch den Eindruck, es könne eine Massenankunft geben - wenn auch ohne Sprinter. 

Bei gleichförmigem Renngeschehen hat man umso mehr Zeit, Landschaften zu genießen und sich nach ihrer Geschichte zu erkundigen. Das Finale der 5. Etappe führte durch ein hügeliges Gebiet, das die Einheimischen Klein-Finnland  oder Land der Tausend Seen nennen. Einer dieser Teiche liegt auf dem Gipfel und heißt "Teich der schönen Töchter (oder auch Mädchen)". Der Name bezieht sich auf die jungen Frauen eines Dorfes, die im 30jährigen Krieg vor den grausamen schwedischen Soldaten flohen und als letzten Ausweg vor der Schändung den Freitod im Wasser sahen. 

Solche Geschichten am Rande kann man googeln. Oder bei André Reuze nachlesen.

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

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