ÜBERHOLSPUR

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

Kittel benutzt die FAST LANE. Jene Spur also, auf der VIPs bei einer Pop-Veranstaltung lächelnd an den Massen vorbei schlendern, die sich vor dem Gesinde-Eingang drängen und warten müssen. Seine Rivalen verbiegen sich die Beine in einem dichten Knäuel, Schulter an Schulter lassen sie auch den Bizeps spielen. An diesem Gewühl rollt Kittel wie ein Schaulustiger vorbei. Mühelos. Kraftstrotzend. Unwiderstehlich! Wie schon in Lüttich. Tempo und Vorsprung des Thüringers sind dabei so groß, daß man kaum noch von einem Sprint sprechen kann. Passender ist wohl der Ausdruck, den die Italiener dafür verwenden: la volata, der Flug. Marcel, der übrigens auch als Model auf dem Laufsteg eine gute Figur abgeben würde, bleibt Dauergast bei den Hostessen. Nicht bei denen, die sich hier für die Ehrung des besten Bergfahres färben, sondern bei den Funkenmariechen fürs Grüne Trikot. Er ist auf der Fast Lane dorthin.

In der Entstehungszeit der Tour wurde alles von Männern erledigt, auch die Siegerehrungen. Podeste gab es  noch nicht, dem Etappengewinner hängte man einen Kranz um oder drückte ihm einen Blumenstrauß in den Arm. Das Gelbe Trikot wurde erst ab 1919 vergeben, die Sonderwertungen kamen noch viel später ins Ritual. Darüber konnte André Reuze also nicht schreiben. Aber über Soloritte von Fahrern über Hunderte Kilometer und endlose Stunden, die gern das Prädikat "Heldentat" bekommen. Der brave Wilhelm hat eine solche vollbracht auf der 4. Etappe. Aber er wurde im Ziel nicht gefeiert, das Geschrei um Sagan und Cavendish übertönte alle anderen Themen. Auch die Würdigung von Guillaume van Keirsbulck, der 190 km im Alleingang fuhr, weil sich niemand seiner frühen Attacke anschloß. Der 26jährige Belgier war im letzten Jahr noch Team-Kollege von Kittel. Sein Sieg als Junior auf dem Kopfsteinpflaster nach Roubaix hatte ihm den Weg ins Profiteam von Tom Boonen geebnet. Dessen treuer Helfer ist er jahrelang gewesen, hat aber auch selbst gewonnen, z.B. die "Drei Tage von de Panne" in seinem erfolgreichsten Jahr 2014. In dieser Saison wechselte er zur Wanty Group und gewann gleich Anfang März  ein Rennen - nach 2 Jahren ohne Sieg.

Ein Solo über fast 200 km ist eine schwer vorstellbare Qual. Van Keirsbulck hat bei Twitter bescheiden geschrieben: "Harter aber netter Tag auf der Flucht." Wenn schon nicht die Medien, so haben doch seine Kollegen diese Leistung gewürdigt. Mit gebrochener Schulter und lädierte Hand fuhr Mark Cavendish gleich nach Zieldurchfahrt zu van Keirsbulck und gratulierte ihm. Das war dem braven Wilhelm vielleicht mehr wert als die rote Startnummer, die ihm die Hostessen in die Hand drückten. 

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