HAUCHDÜNN

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

Wirklich nichts gegen EBH. Aber daß ausgerechnet er der aussichtsreichste Herausforderer von Speedking Kittel in einem reinen Massensprint wird, ist schon eine große Überraschung. Umso mehr, als Marcel direkt am Hinterrad des Norwegers in Lauerposition lag. Aber der Antritt aus dem Windschatten von brachte ihn diesmal nur auf gleiche Höhe. Vielleicht fehlte ihm sogar das vielzitierte Sprinterloch, dass ihn bei seinen beiden Siegen zuvor zu diesem enormen Tempo-Überschuß befähigt hatte. Diesmal mußte er auf engstem Raum kämpfen. Er hat das Dutzend voll gemacht. Aber so knapp hat er wahrscheinlich noch nie gewonnen. Mit einem "Vorsprung" von 0,0003 Sekunden oder 6 Millimetern. Nur Jurypräsident Philippe Mariën hatte keine Zweifel: "Kittel war deutlich vorn. Da gibt es keine Diskussion." 2005 in Géradmer siegte Pieter Weening hauchdünn vor Andreas Klöden, und das Zielfoto ergab einen Abstand von 9 Millimetern für den Niederländer. Schon damals hatte man sich gewünscht, daß beide auf Platz 1 gesetzt würden. Das Resultat der 7. Etappe könnte daraus eine Forderung machen.

In den 1920er ermittelten die Kommissäre den Einlauf mit Augenmaß, allerdings gab es mehrere Zielrichter, die dann ihre Notizen verglichen und notfalls per Abstimmung die Platzierung festlegten. Es ist nicht auszuschließen, daß kleine Zuwendungen in Couverts von Radherstellern und Rennställen den Blick der Kampfrichter "schärften". Die Bilder vom Fahrer mit der Siegerschleife waren die wirksamste Reklame auf dem Rad-Absatzmarkt in jenen Tagen. 

Die jetzigen technischen Hilfsmittel können auch noch Abstände im Mikro- oder Nanobereich sichtbar machen, aber sie töten Emotionen, weil sie augenscheinliche Leistungsgleichheit in eine bürokratische Rangfolge verwandeln.

Der Unterschied zu den vorangegangenen Sprints  lag vermutlich in der Vorbereitung des Spurts von EBH. Sein Anfahrer Reinhardt Janse van Rensburg hatte das Tempo schon so hoch gezogen, daß der Antritt von Kittel an Wirkung verlor. Nach seinem 3. Platz auf der 5. Etappe klang Andre Greipel ein bißchen resigniert: "Was soll man machen, wenn Marcel 10 Sachen schneller ist als wir." Sein Teamchef Marc Sergeant schlug eine Lösung vor: "Das Tempo auf dem letzten Kilometer muß höher sein. Wenn heute Jürgen Roelandts nicht Reifenschaden gehabt hätte und schneller angefahren wäre als heute möglich, dann wäre der Abstand von Kittel größer gewesen und sein Antritt vielleicht verpufft." Genau das tat der südafrikanische Meister van Rensburg (Foto). Mit EBH am Hinterrad beschleunigte er die immer länger werdende Fahrerschlange auf eine solche Endgeschwindigkeit, daß Kittel trotz des Windschattens mit seinem Antritt nur eine Radlänge zu Boasson-Hagen gut machen konnte. Eine Radlänge und 9 Millimeter...  

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