HÖHENFLUG

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

Mit dem letzten Tropfen ins Ziel! Lilian Calmejane leckte symbolisch die Reste des Energie-Gels ab, die aufs Oberrohr gekleckert waren. Heraushängende Zunge, verdrehte Augen, Leidensmiene - ein bißchen Pantomime hat auch ein völlig erschöpfter Fahrer parat, wenn er die Kamera auf sich gerichtet weiß und die gigantische Zuschauerkulisse spürt, die leidenschaftliche Begeisterung der Massen. Erst recht, wenn ein Franzose zum Sieg strebt. Die Radsportfans im Publikum wissen, daß der einstige Rad-Cross-Spezialist im Crash-Kurs zum erfolgreichen Straßen-Profi umgeschult wurde. Und zwar in der Nachwuchsmannschaft Vendée U, dem Farmteam seines jetzigen Rennstalls Direct Energie. Dort engagierten sie ihn 2014, weil seine Fähigkeiten im bergigen Gelände und sein Kampfgeist aufgefallen waren. Beim Übergang von den Junioren in die U-23 wuchs er in weniger als zwei Jahren um 14 Zentimeter. "Da begann ich auch zu gewinnen", erinnert sich der 24jährige und nunmehr 1.84 m große Südfranzose, der aus Albi im Departement Tarn stammt.

So ähnlich mag auch der Karriereanfang von Jean Chevillard aus dem Buch Giganten der Landstraße gewesen sein. Bis ihn der Champion Tampier unter seine Fittiche nahm und schließlich zu Leistungen motivierte, die man vorher allenfalls ahnen konnte. Auf jeden Fall macht Autor Reuze deutlich, daß die Einstellung zum Metier Berufsrennfahrer entscheidend ist, daß es den Willen braucht, sich in Momenten der Kraftlosigkeit zu überwinden und weiter zu fahren, daß man eine Chance, die sich bietet, ergreifen und gestalten muß. Damals wie heute.

Die Rolle von Tampier spielte bei Calmjane der sportliche Leiter von Vendée U Benoît Genauzeau. Er hatte ihn ins Team geholt und führte ihn zu Erfolgen, vor allem bei Rennen mit schwerem Profil. Der Profivertrag zur Saison 2016 setzte einen verblüffenden Aufstieg in Gang. Er gewann eine Etappe der Vuelta, mit einem ähnlichen Solo wie jetzt bei der Tour. Trotzdem bedauerte er, daß er nicht über ein spezielles Talent verfüge: "Wahrscheinlich tauge ich wohl eher für Rennen mit dem Charakter der Ardennen-Klassiker. Für die Berge bin ich mit meinen rund 69 kg zu schwer, als Sprinter und fürs Kopfsteinpflaster zu leicht. Das Gewicht der Sieger in Roubaix liegt bei 75 kg." Calmejane macht sich Gedanken um seine Zukunft. Und er gestaltet sie. In der laufenden Saison hat er schon 4 Etappen und 3 Rundfahrten gewonnen. Nun der bisherige Glanzpunkt seiner Karriere. Bei seiner Tour-Premiere! Ein bißchen können auch wir uns über seine Leistung freuen auf dieser 8. Etappe, die von allen Fahrern als hart und kampfbetont geschildert wird. Denn ganz lange ist der talentierte Emanuel Buchmann in der Spitzengruppe mit Calmejane gefahren...  

 

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