ABSTURZ

Foto: Arne Mill/frontalvision
Foto: Arne Mill/frontalvision

Eine Etappe mit dramatischem Rennverlauf war geplant, ein Tag des Horrors und der Angst wurde es. Erst gruselten uns die Bilder der fürchterlichen Stürze, dann litten auch wir Schmerzen mit den verletzten Rennfahrer und schließlich schockierte uns die Aufzählung der gebrochenen Knochen. Und bei jeder weiteren Kurve bergab hielt man instinktiv die Hand vor die Augen.

Muß man das ertragen und hinnehmen? Sind das Leid der ramponierten Fahrer und die Freude der Sieger in dieser Sportart untrennbar miteinander verbunden? Kann man das eine nicht ohne das andere bekommen? Kommentaren von TV-Anstalten baten ihre Regisseure, die Szenen mit den Stürzen nicht zu wiederholen, man habe genug Schlimmes gesehen. Das verdrängt aber nur die Beschäftigung mit den Ursachen dieser fürchterlichen Unfälle, die man inzwischen leider schon voraussagen kann. Weil Faktoren zusammenspielen, die das Risiko für die Fahrer maximieren: Beschaffenheit von Gelände und Straßenbelag, Anzahl der Abfahrten und ihre Position in der Gesamtetappe, Konstellation in den wichtigsten Wertungen und der Tag der Übertragung. Etappen mit besonders schwerem Profil legen die Veranstalter seit Jahren immer auf das Wochenende. An Samstagen und Sonntagen geht die Zahl der Fernsehzuschauer in die Millionen, ist die Werbewirkung für die beteiligten Teams also besonders hoch, eine aktive Fahrweise an der Spitze darum wünschenswert. Ständig Bewegung im Feld, permanenter Kampf. Alle im Konvoi bewegen sich am Limit. Erst recht, weil die 9. Etappe gleich mit einem 3 km langen Anstieg begann, bis zur ersten von insgesamt 7 Bergwertungen, 3 davon in der höchsten Kategorie, wo es auch die meisten Punkte für den besten Kletterer gibt. Das Rennen wird hart, das Tempo extrem hoch. Aber auch der Kräfteverschleiß. Und der Konzentrationsabfall; bis hin zum Kontrollverlust. Wenn die Fahrer körperlich und geistig ermüdet auf dem Gipfel ankommen, ist ihnen oft für Sekunden schwarz vor Augen. Aber sie müssen sich sofort in die Abfahrt - ja die Redewendung stimmt! - stürzen. Die letzte davon begann nach 155 von insgesamt 181 km und war Schauplatz vieler Stürze. Den schwersten davon verursachte Richie Porte, der von der Straße abkam und Daniel Martin mitriß. Eine schreckliche Szene! An den Abfahrten stürzten insgesamt Dutzende Fahrer, 4 davon mußten das Rennen aufgeben, einer kam mit Zeitüberschreitung ins Ziel. 

Stürze gab es immer schon im Radsport, im Buch Giganten der Landstraße werden auch einige beschrieben. Und auch damals aus ähnlichen Ursachen. Aber die Folgen waren selten so schwer. Das Tempo war niedriger, die Teilnehmerfelder kleiner, die Preisgelder und - so vermute ich jedenfalls - der Druck auf die Fahrer geringer. Außerdem hat der Journalist Ravenelle schon damals ein Prinzip entdeckt, das noch heute funktioniert: "Um diese Massenbegeisterung zu erhalten, gestaltet man die Strecke jedes Jahr schwieriger." Er dachte wohl in erster Linie an die Berge. Deren zunehmende Zahl und Steilheit hat den Schwierigkeitsgrad erhöht, der gern als Maßstab für die Attraktivität einer Rundfahrt zitiert wird. Seit Jahren müßte man gleichberechtigt den Risikofaktor der Abfahrten dagegen setzen, der dazu führt, daß die Rennfahrer um ihr leibliches Wohl fürchten müssen und auch um ihre Chancengleichheit. Geraint Thomas brach sich das Schlüsselbein, weil er einem anderen Fahrer nicht ausweichen konnte, Dan Martin wurde von Porte aus der Bahn geworfen. Er kam zwar ins Ziel, aber ohne Sturz hätte er die Etappe gewinnen können. 

Ja, es gab einen Sieger nach einem turbulenten Rennverlauf auf dem letzten flachen Stück. Selbst auf dieser strapaziösen Etappe mußte das Zielfoto entscheiden. Es verwandelte die Freudentränen des tapfersten Fahrers vom Tage in bittere Enttäuschung. Vom Start weg fuhr Warren Barguil (Sunweb) an der Spitze, am letzten schweren Berg sogar als Einzelkämpfer.

Den Zielsprint verlor er um Zentimeter gegen Uran. Hoffentlich ist ihm ein bißchen später bewußt geworden, wie glücklich er sein konnte, daß ihn der Zufallsgenerator an diesem Tag nicht auf die Sturzliste gesetzt hatte. Er war schon in der Tour de Romandie  

 

an der Reihe - Beckenbruch! 

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