AUGENZEUGE

Ein Foto für die Galerie! Es erzählt Geschichten. Erst recht, wenn darunter steht: Juraj Sagan, der ältere Bruder von Peter, kämpfte nach Sturz tagelang ums Zeitlimit. Über solche Aufnahmen freut sich Arne Mill selbst besonders, weil er nicht der kühle Beobachter ist, sondern ein Mitfühlender Begleiter der Rennen und vor allem der Fahrer. Für diese Saison hat er keine Renn-Lizenz mehr gelöst, aber er fuhr lange Jahre im Kölner Lexxi-Team gemeinsam mit Lars Teutenberg (Sportdirektor von BORA-hansgrohe, 4. der Deutschen Meisterschaft im Zeitfahren) und Alex Bauer. Seine ursprüngliche Leidenschaft war das Segeln, folgerichtig durchlief er eine Ausbildung zum Bootsbauer und arbeitete dann jahrelang im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES), wo er auch bei den Bahnrädern Hand anlegte, die so aussahen, als wären sie für einen science-fiction-Film entworfen worden. Schließlich entdeckte er seine Neigung fürs Fotografieren und sein Talent dafür. Seit vielen Jahren ist er mit seinen Kameras wochenlang unterwegs bei Rundfahrten, klassischen Rennen und Championaten, zuletzt bei der Bahnrad-WM in Hongkong. Übrigens hat er schon vor 7 Jahren mit on-board-cameras gearbeitet und bei den Berliner Sixdays spektakuläre Bilder aus dem Rennen gesorgt. 

Die Bedeutung von Photographen bei der Tour hat André Reuze schon in seinem Buch über die Giganten beschrieben. Sie weckten die Emotionen der Zeitungsleser, mehr als es die Artikel der Journalisten vor vermochten. Die könnten ja viel schreiben und sich vielleicht sogar Geschichten ausdenken, da war also der sichtbare Beweis gefragt - Das Photo! Vom Start, vom Rennen, vom Sturz, vom Sieger. Aus dem Zusammenspiel von Foto und Text entstand ein komplettes Abbild der Rundfahrt. 

Der Blick vieler Photographen fürs Wesentliche einerseits und fürs Besondere andererseits wird auch nicht ersetzt durch stundenlange Fernsehübertragungen. Ihre Bilder sind weiterhin begehrt. Vielen Dank Arne für Deine "Ansichtskarten" von der Tour, zumal sie eine harte und manchmal auch gefährliche Arbeit voraussetzen.

Vielleicht sind einige der feinfühligen Fotos entstanden, weil Arne Mill während seiner Fahrt durch Frankreich bei Familien übernachtet hat, die ihre Wohnungen per Internet angeboten hatten. Manchmal hat er sich mit seinen Gastgebern mittels einer Übersetzungs-App per Smartphon verständigt, aber deutlich gespürt, daß "Le Tour" eben mehr ist als eine Sportveranstaltung oder ein Radrennen. Sie erzeugt bei allen Franzosen automatisch Leidenschaft und Stolz, so als würde sie wie eine Erbanlage in ihren Seelen verankert sein. Das schwappt am deutlichsten auch nach Belgien. Dort wurde Arne von zwei Damen beherbergt, die ihm nicht nur ein leckeres Abendessen servierten. Lisa und Odile haben auch eine Flasche Wein geöffnet und später dann, die eine am Klavier und die andere mit der Ukulele, französische Filmmusiken improvisiert. Ob er sich deshalb am nächsten Tag so intensiv dem Thema Hostessen gewidmet hat?

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