GLANZLEISTUNG

Foto: Arne Mill/frontalsision
Foto: Arne Mill/frontalsision

Kittel ist der "Flachmann" dieser Tour. Er siegte bisher auf jenen Etappen, deren Profile nahezu platt waren. Nur auf der 7. Etappe ging es in der Mitte der Strecke etwa 80 km lang über Hügel. Vielleicht ist es kein Zufall, daß Marcel gerade beim Sprint in Nuits-Saint-Georges am meisten kämpfen mußte und Boasson-Hagen nur um 6 Millimeter bezwang. Von den 5 Finals mit Sprinter-Vollversammlung gewann er 4, einmal steckte er im Stau hinter einem Sturz.  

Der blonde Hüne aus Ichtershausen bei Arnstadt (Stadt mit Puppenmuseum) gewinnt auch dann, wenn seine Position vor dem Sprint aussichtslos erscheint. Wir denken, das war's für ihn, da orientiert er sich mit einem kurzen Blick (jawohl, auch diese Zeit hat er), es erscheint das Superman-S auf seinem grünen Trikot und er düst an den Rivalen vorbei. Bisher immer zum Sieg. 

Die Tempohärte für einen so langen Spurt wie gestern kommt nicht von ungefähr. Bei seiner gediegenen Radsport-Ausbildung im Thüringer Energie Team, das von seinem jetzigen Manager Jörg Werner und Trainer Jens Lang geführt wurde, war er Spezialist fürs Zeitfahren. Junioren-Weltmeister 2006 und Deutscher Meister U-23. Mit Beginn seiner Profi-Laufbahn beim jetzigen Team Sunweb, überraschte er als Sprinter und gewann im ersten Jahr 13 Rennen. 13 Siege sind es nun auch in diesem Wettkampfjahr, das er am 31. Januar mit dem Erfolg auf der 1. Etappe der Dubai-Tour begann. 6 Rundfahrten bestritt er vor der Tour und blieb nur einmal (Paris-Nizza) ohne Sieg. Zwischendurch gewann er zum 5. Mal den Scheldepreis und ist damit Rekordsieger. Das war Anfang April.

Die Rennfahrer aus der Ära der "Giganten" begannen seinerzeit ihre Saison im März, sie gingen mit wenig Trainingskilometern und Renntagen in die ersten Klassiker wie Mailand - San Remo oder Flandern-Rundfahrt. Andre Reuze schildert ihre Abenteuer in seinem Buch sehr anschaulich. Und die Besten solcher Rennen gehörten dann auch zu den Favoriten von Giro oder Tour. Das scheint heute unmöglich. Bei dieser Tour übernehmen die Sieger 2017 Kwiatkowski (San Remo) oder Gilbert (Ronde van Vlaanderen) Helferdienste. Sie könnten eine Etappe gewinnen, aber nicht die Rundfahrt.  

Marcel konzentrierte sich trotz der vielen Renntage im Frühjahr zielstrebig auf die Tour. Nach der Californien-Rundfahrt hatte er eine kurze Erholung eingelegt und sich dann einen Monat lang in einem Trainingsblock geschunden. Beim Wiedereinstieg in die Rennen fehlte ihm beim Prologzeitfahren der ZLM-Tour nur eine Winzigkeit zum Sieg und er gewann noch eine Etappe. Er kam also besten vorbereitet nach Düsseldorf.

Trotzdem hätte er aus eigener Kraft diese Serie von Glanzleistungen nicht schaffen können. Ausreißer einholen, das Feld zusammenhalten, ihn auf seine Lauerposition für den Spurt bringen - dafür braucht er ein Team. Bei seinen Kollegen bedankt er sich jeden Tag. Gestern sang er ein Loblied auf Julian Vermote: "Was Julian da tut ist unglaublich. Er zeigt der Welt, wie stark er ist, mental und körperlich. Immer an der Spitze fahren, das Tempo hochhalten und die Ausreißer kontrollieren, das sieht einfach aus. Ist es aber nicht. Hut ab vor ihm!" Der Belgier, nicht zufällig ein guter Zeitfahrer, war rund 100 km an der Spitze des Pelotons gefahren und hatte die Basis gelegt für den Erfolg von Kittel. Der hat nun auch bei der Tour de France 13 Siege angehäuft. Beim Aberglauben wird sich Marcel allerdings nicht lange aufhalten, zumal das Profil der 11. Etappe ein ziemlicher "flatliner" ist.

 

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