HALBZEIT

Grün bedeutet im Straßenverkehr freie Fahrt! Marcel Kittel, der athletisch und mental in der besten Form seines Lebens ist, genießt und nutzt den Freiraum, der ihm von allen anderen Teams regelrecht eingeräumt wird. Flachetappen verlaufen nach  Schema F: 2 oder 3 Ausreißer mit 2 oder 3 Minuten Vorsprung, also nicht mal lange Leine. Meist sind diese "Partisanen" so besetzt, daß sie die Sprinter-Mannschaften von ihrer langweiligen Fahrweise abhalten könnten. Und erst recht nicht Kittels schnelle Eingreiftruppe Tägliche ein Türsteher von Quickstep reicht, um die Fluchtgruppen in Reichweite zu halten, weil eben andere Teams auch dabei helfen. Im Finale dann konzertierte Aktion (warum eigentlich?) von 5 oder 6 Rennställen, die mit voller Truppenstärke die Außreißer einholen. Bis jetzt ist keiner durchgekommen, gestern wäre es beinahe passiert. Fast jeder hat dem Zeitfahrspezialisten Maciej Bodnar von BORA-hansgrohe auf seinem Soloritt über 23 km die Daumen gedrückt. Die ganze Etappe zuvor war er in einer 3köpfigen Spitzengruppe gefahren, trotzdem konnte das Feld, als es längst auf Vollgas umgeschaltet hatte, dem kämpferisch so starken Polen nur sekundenweise näher kommen und ihn erst 247 m vor dem Ziel schlucken. Nicht alle haben verstanden, warum auf den letzten 3 Kilometern das Team Katjuscha mit Zeitfahrweltmeister Martin jene Arbeit übernahm, die doch eigentlich Quick Step hätte leisten müssen. Oder gar Direct Ernergy, ein Team ohne Spitzensprinter bei dieser Tour. Chavanel und seine Kollegen gaben dem Peloton einen Temposchub, der den Vorsprung von Bodnar stark dezimierte. Also blieb ihm nur die Tapferkeitsmedaille, also die rote Startnummer. 53 Fahrer waren noch an ihm vorbei gerauscht. Bester von Direct Energy wurde übrigens Boudat als 18.

Auch Andre Reuze schreibt in seinem Buch über Etappen, auf denen nicht viel passierte. Allerdings waren die viel länger als heutzutage. Distanzen von 400 km und mehr waren keine Seltenheit. Wenn auf solchen langen Kanten die Favoriten bummelten, freuten sich die Isolierten oder Touristen oder Unaghängigen, also jene "Privatfahrer", die aus den unterschiedlichsten Gründen 

eine Startnummer gelöst hatten (viele hofften natürlich auf einen Fabrikvertrag) und Stunden nach den Etappensiegern ins Ziel kamen. Da war es manchmal schon fast Mitternacht. 

In dieser Tour sind die Anwärter auf einen Spitzenplatz in der Gesamtwertung froh über den Verlauf der Flachetappen. Bei dem gleichmäßigen Tempo ohne Attacken und Verfolgungsjagden können sie Kräfte sparen und ihre Teams schonen. Langeweile leiden sie auch nicht, weil sie plaudern können ohne Ende. Diese Lockerheit führt allerdings - auch das ist keine neue Erkenntnis - immer wieder zu unnötigen Stürzen. Bei einem davon hat sich Dario Cataldo die linke Hand gebrochen. Er mußte aufgeben und fehlt nun als Helfer von Aru. Bei Halbzeit ist die Tour mehr Opfergang als Radrennen.

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