ZENTRIFUGE

Foto: Trek Segafredo
Foto: Trek Segafredo

Wie aus der Schleuder getorkelt fühlten sich fast alle nach der 15. Etappe. Im Zentralmassiv kann jedem Rennfahrer schwindlig werden. Egal auf welcher Strecke. Er fährt immer Achterbahn. Ständige Richtungsänderungen, tausende Kurven, unzählige Berge und Schluchten, Wechsel von Licht und Schatten. Solche verwinkelten Strecken bieten Ausreißern gute Aussichten, weil sie von der Landschaft versteckt werden. Eine Fluchtgruppe kommt fast immer durch. Bis deren Zusammensetzung von den Chefs der Gesamtwertung "abgesegnet" ist, gibt es allerdings an der Spitze des Pelotons

viele Tempointervalle und harte Kämpfe, manchmal mit full contact fight. Bauke Mollema berichtete nach seiner 30 km langen Soloflucht zum Sieg , daß es aber fast noch schwerer gewesen sei, die Blockade der Elite-Teams an der Spitze des Feldes zu durchbrechen, nachdem sich eine 10köpfige Spitzengruppe gebildet hatte, mit der die Favoriten zufrieden waren, weil sie die gut kontrollieren konnten. Also machten sie die Straße auf der ganzen Breite dicht. "Michael Gogl und Koen de Kort sind auf den Grasstreifen gefahren, um vorbei zu kommen und mich nach vorn zu lotsen. Ohne deren harte Arbeit hätte ich die heutige Etappe nie gewonnen." Sein Team Trek Segafredo öffnete das Tor für 25 andere Fahrer, die zwar nach langwierigem Kampf den Anschluß zu den 5 vorn noch  verbliebenen Fahrern schafften, aber in dieser Formation nicht lange beisammen blieben. An jedem der vielen Hügel und Berge, von denen die wenigsten in der offiziellen Bergwertung gelistet waren, schrumpfte die Spitzengruppe. 

Die Gemeinheiten, die das Massif central für die Rennfahrer bereithalten kann, hatten die Kursetzer der Tour noch nicht erkannt, als Andre Reuze die Giganten der Landstraße begleitete. Aber der Autor ahnte wohl schon, daß man irgendwann von der damals traditionellen und ständig wiederkehrenden Streckenführung rund um Frankreich abkommen und neue Herausforderungen sowie auch Spektakel suchen würde, um den Reiz dieser Rundfahrt füs Publikums immer wieder erneuern und erhöhen. Das schreibt er in einigen Passagen seines Buches. 

Am vorletzten Berg (Kategorie 1) der fast 190 km langen Etappe war die Zahl der Anwärter auf den Tagessieg noch so hoch, daß Bauke Mollema aus Groningen, der nicht gut sprinten kann, den Entschluß faßte, die Ankunft einer Gruppe zu vereiteln. Er attackierte rund 30 km vor dem Ziel. Aber erst später wurde ihm klar, daß er etwas riskierte, was er vorher noch nie versucht hatte. Einen endlos langen Alleingang am Ende einer strapaziösen Etappe. Sein sportlicher Leiter Alain Gallopin (der Onkel von Tony Gallopin in der Verfolgergruppe) motivierte ihn erfolgreich, denn Mollema durfte keinen Tritt auslassen. Sein Vorsprung war nie größer als 40 Sekunden, 20 davon rettete er ins Ziel: "Ich bin dann mal weg". Le Puy-en-Velay ist der französische Startort für den Jakobsweg. 

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