TELEMARK

Foto: Quick Step Floors
Foto: Quick Step Floors

Vom strahlenden, kraftstrotzenden, energiegeladenen Marcel Kittel gibt es auf der Internetseite des Teams Quick Step Floors viele Fotos. Vergebens sucht man eine Aufnahme vom verletzten, blutenden, bepflasterten und zerschundenen Supersprinter, dessen Grünes Trikot nach dem Sturz zerrissen und beschmutzt ist. Dabei möchte man doch mit dem sympathischen Thüringer leiden, ihm Schmerzen abnehmen und ihn mit Trost begleiten auf dem demütigenden Weg aus dem Rennen und ins Krankenhaus. Die Enttäuschung können wir ihm nicht abnehmen, aber noch mal ein Kompliment sagen, für die sehenswerten Sprints, die er geleistet hatte. Und Lob für die Kollegialität gegenüber seinen Helfern Vermote und Sabbatini, die er rechtzeitig wegschickte, damit sie im Zeitlimit und auch in der Tour bleiben. Das gelang übrigens beiden.   

Zum Zeitpunkt von Kittels Sturz war sein Rivale im Kampf um Grün, Michael Matthews, schon in der Attacke. Seit Tagen kämpft der Australier um die Höchstpunktzahl bei den Zwischensprints genauso hart wie einen Etappensieg, und zwar mit großem Einsatz seines Teams Sunweb. Er bekommt Helfer, die sich bis ans Limit schinden, um ihren zweifachen Tagessieger in der ersten Gruppe zum Sprint zu bringen. Auch wenn das 90 km dauert. Matthews zeigt bewundernswerte Moral, sich ohne Rücksicht auf die Profilskizzen in diesen Dauerkampf zu begeben - und ihn dann auch jedesmal zu gewinnen! Man kann wohl davon ausgehen, daß er das Grüne Trikot lieber im direkten Duell mit Marcel übernommen wollte. Oder auf den Champs Elysee wieder verloren hätte...

Jedenfalls hat Matthews - wenn auch ungewollt - dem späteren Tagessieger Vorarbeit geleistet. Primoz Roglic gehörte zu der Spitzengruppe, die das Team Sunweb gebildet forciert hatte, damit der Vorsprung bis zum Punktesprint reicht. Dadurch bekam der Slowene auch ein Guthaben gegenüber den Favoriten und anderen Kletterspezialisten im Feld. Schon einige Male gehörte er auf bergigen Etappen zu Fluchtgruppen, die aber entweder nicht durchkamen oder deren Tempo er im Finale nicht halten konnte. Mehr als zwei Drittel der Etappe fuhr er clever und kraftsparend, am Anstieg zum Galibier erhöhte er mehrmals das Tempo und verkleinerte damit Gruppe. Rund 6 km vor dem Gipfel hatte er - wie auf den Schanzen früher - das Gespür für den richtigen Absprung. Er entschwand seinem letzten Begleiter - Contador.

Knapp 2 min hinter Roglic fuhren als Verfolger die Anwärter auf Gelb. Froome, Uran und Aru belauerten sich, Bardet und Daniel Martin attackierten. Jawohl, wieder Martin! Und wieder fragte man sich: warum er, warum an dieser Stelle und warum so oft? Geschätzt ein halbes Dutzend Mal trat er an, aber mit dem Gipfel vor Augen konnte er das Tempo der anderen nicht halten und verlor bis ins Ziel eine halbe Minute. Hut ab vor dem Kämpen, der vielleicht als einziger nach Bauchgefühl fährt!

Roglic kam als Solist ins Ziel, hatte allein gegen die Stars kaum Zeit eingebüßt. Als er 20 Jahre alt war, hatte er gemerkt, daß er als Skispringer keiner der ganz Großen werden würde. Man bescheinigte ihm Talent im Radfahren, das immer seine heimliche Leidenschaft war. Sein Team-Kollege Paul Martens glaubt: "Wahrscheinlich weiß er selbst noch nicht endgültig, welche Fähigkeiten und ihm stecken. Er könnte mal ein ganz Großer werden." Der Sieg bei einer Tour-Etappe durch und über die Alpen bescheinigt ihm einen einen großen Sprung. Bei der Siegerehrung zeigte er, auch den Telemark kann er noch. 

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