LIBERO

Foto: CORVOS
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Eine freie Entscheidung war es wohl nicht von Warren Barguil, daß er die Gesamtwertung dieser Tour ignorieren konnte. Die Hüftfraktur bei einem Sturz Ende April hätte seine Teilnahme fast verhindert. Die Teamleitung von Sunweb gab ihm das Vertrauen, aber keine Zielstellung, die ihn hätte unter Druck setzen können. Das dürfte die Grundlage für seine nunmehr unglaublichen Erfolge sein. Offenbar hatte dem Bretonen die Trainingspause nicht geschadet, denn in der ersten Hälfte der Tour brachte er sich in Bestform, kassierte dabei aber fast eine Viertelstunde Rückstand zu Gelb. Der beste Kletterer im Feld war er schon vor dieser 18. Etappe, aber die Leichtigkeit, mit der er sich aus dem Favoriten-Kokon um Froome löste, erstaunt dann doch. Er war der Libero in dieser Gruppe, der einzige Fahrer, der keinen Bewacher hatte, weil er keinem einen Podiumsplatz wegnehmen konnte. Sein Solo zum Sieg auf dem kargen Izoard war einer der Höhepunkte dieser Tour.

Auf genau diesem Berg ereignet sich eine Schlüsselszene im Buch Giganten der Landstraße. Nachwuchsmann Chevillard, der infolge von Pech oder Fehlverhaltens seiner beiden Kapitäne plötzlich die Hoffnung seines Rennstalls und auf dem besten Weg ins Gelbe Trikot ist, erleidet vor dem Gipfel des erbarmungslosen Berges eine Krise. Er will zur Dopingpille greifen, aber sein Mentor Tampier schlägt sie "das Gift" aus der Hand und bringt ihn mit sanfteren "unterstützenden Mitteln" wieder aufs Rad.

Weil der Izoard zum ersten Mal nach 103 Frankreichrundfahrten Ziel einer Bergankunft war, hat der Erfolg dort eine besonders große Publikumswirkung. Überhaupt fuhr "Wawa" spektakulärer als der bisherige Liebling der Massen Bardet. Die nächste große französische Hoffnung dürfte Barguil sein. Man stutzt zwar, wenn er Richard Virenque sein Idol nennt und in Ehrfurcht erschauert, wenn er jetzt jenes gepunktete Trikot trägt, das der überführte Doper einst in Rekordzahl gewann. Aber vielleicht ist Barguil einfach zu jung, um das noch in einen selbst erlebten Kontext stellen zu können. Da sind seine einfühlsamen Erinnerungen an die beiden Großväter schon ein schöneres Markenzeichen. Sie haben ihn jedes Wochenende zu den Schüler- und Jugendrennen gebracht und können jetzt leider seine großen Erfolge nicht mehr erleben. Und auch nicht seine Tränen.

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