KORREKTUR

Foto: BORA-hansgrohe/Stiehl
Foto: BORA-hansgrohe/Stiehl

Er wollte etwas gerade rücken! Maciej Bodnar (Foto) wußte, daß die Chance dazu am vorletzten Tour-Tag kommen würde. Er bereitete sich athletisch, moralisch sowie materialtechnisch darauf vor. Und er riskierte was! Er wählte ein Anfangstempo, das für andere Harakiri mit Anlauf gewesen wäre. Er startete mit Vollgas, weil er die Favoriten schocken wollte (er hatte eine frühe Startzeit) und weil er wußte, daß er am Anstieg nichts herausholen könnte, vielleicht sogar von einem Guthaben zehren müßte. Alle Planungen erwiesen sich als goldrichtig. Schon bei seiner "Generalprobe" auf der 12. Etappe zeigte er eine bewundernswerte Leidensfähigkeit und Zähigkeit. Er hörte nicht 'mal auf zu treten, als das Vorderrad seines ersten Verfolgers neben ihm auftauchte. 247 Meter vor dem Ziel! Beim Kilometer Null hatten er und zwei Begleiter angegriffen und waren dann 180 km lang an der Spitze gefahren. Auf den restlichen 22 km lieferte Bodnar ein Solo, das alle begeisterte und als eine der emotionalsten Szenen dieser Tour in Erinnerung bleiben wird.

Seine Enttäuschung im Ziel mündete nicht in einen Fluch sondern in einen Seufzer: "Ach, ich hätte doch so gern eine Etappe gewonnen."

Das war schon der Kindertraum von Maciej, der als Schuljunge seinem Bruder Lukasz (3 Jahre älter) nacheiferte. Der begann den Radsport mit 10 Jahren und holte schnell Siege.

Um die beneidete ihn "der Kleine", der auch mit 10 Jahren in den Radverein ging. In seiner ersten Altersklasse gewann er 20 Rennen. Mehr als Lukasz, der zuerst Profi geworden war, bis zum letzten Jahr immer in polnischen Teams fuhr und die Auslandskarriere von Maciej beförderte. Sie führte über Stationen in den Niederlanden und Italien zu Liquigas, dort auch an die Seite von Peter Sagan, mit dem er dann zu Tinkoff und schließlich zu BORA ging. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade diese beiden für die zwei Siege des deutschen Teams sorgten. Der Zeitfahr-Triumph in Marseille ist der Glanzpunkt in Bodnars Bilanz. Auch wenn der Vorsprung winzig war. Eine Sekunde hinter ihm lag sein Landsmann Kwiatkowski, dann folgten Tour-Sieger Froome und Zeitfahrweltmeister Tony Martin, der mit 14 Sekunden Rückstand als Vierter eine Spitzenleistung erzielte. Aber das zählt nicht fürs deutsche Publikum, das von ihm im Zeitfahren nur Siege sehen will und sich auch nicht für die Plätze 7, 12 und 13 von Arndt, Sütterlin und Politt interessieren wird.

Der zweite Platz von Kwiatkowski bestätigt dessen hervorragende Form, seinen Einsatzwillen und seine Selbstüberwindung. Vor zwei 'Tagen bei der letzten Alpenetappe war er stehend K.O. gegangen, nachdem er am Schlußanstieg unendlich lange die Tempoarbeit für Froome geleistet hatte. Er war so erschöpft, daß er anhalten und durchatmen mußte. Und dann dieses Zeitfahren! Er war übrigens schon mal gemeinsam mit Bodnar auf einem Podest. Nach der WM 2014 wurden sie mit dem Verdienstkreuz der Republik Polen ausgezeichnet. Bodnar, der Helfer, in Bronze und Kwiatkowski, der Weltmeister, in Gold.

 

 

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